DAS HÄHNCHEN AUF DEN THRON

Tierwohl beim Discounter

Lidl hat Anfang 2018 als erstes deutsches Handelsunternehmen mit dem Haltungskompass eine vierstufige Kennzeichnung für Frischfleisch eingeführt. Damit haben Kunden jetzt die Möglichkeit, sich bewusst für Fleisch aus einer tierwohlgerechteren Haltung zu entscheiden. Schon Anfang 2019 sollen 50 Prozent der Frischfleischprodukte aus Deutschland mindestens den Anforderungen der Stufe 2, „Stallhaltung Plus“, und damit auch dem Standard der Initiative Tierwohl, in Verbindung mit dem Prinzip der Nämlichkeit, entsprechen. Ohne den täglichen Einsatz der Bauern und Lieferanten ist mehr Tierwohl allerdings nicht möglich. Das zeigt das Beispiel der Familie Belzner und auch, dass die nachhaltige Aufzucht von Hähnchen nach den Anforderungen des Deutschen Tierschutzbundes (DTB) ein funktionierendes Geschäftsmodell sein kann. In Schnelldorf und bei Lidl in Neckarsulm hat man das erkannt. Ein Besuch im ländlichen Mittelfranken.
Wie zwei Riesen schreiten Vater und Tochter die lange Halle ab. Beide haben die Hände hinter sich verschränkt. Angenehme 21 Grad Celsius herrschen hier drinnen. Auf Knöchelhöhe der langsam wie in Zeitlupe durch den Stall gehenden Menschen – sie wollen ihre Hühner nicht erschrecken – herrscht indes eine Geschäftigkeit, die an eine dicht bevölkerte Fußgängerzone erinnert.

 

Auf dem weich ausgestreuten Boden wird gerannt, geschubst, gepickt, gescharrt, gepiepst, getrunken, gegessen und geruht. Je 16.000 weiß gefiederte Hähnchen laufen frei in den beiden Ställen des Geflügelhofs Belzner herum. Der Betrieb bei Schnelldorf in Bayern hat seine Intensivtierhaltung vor sechs Jahren auf die Standards des Deutschen Tierschutzbundes umgestellt – und er kann davon leben.

„Wir müssen höhere Verkaufspreise erzielen, sonst lassen sich die Tierwohlmaßnahmen nicht finanzieren.“

Carolin Belzner

Der Babypopo als Qualitätskriterium
Hans-Joachim Belzner hat sich hingekniet und ein Tier auf den Arm genommen. Der 62-jährige Mann im gelb-blauen Karohemd zeigt behutsam die Krallensohle des Federviehs, die sich warm und samten anfühlt. „Das ist ein wichtiges Qualitätsindiz, es muss sich wie ein Babypopo anfühlen“, erläutert der Landwirt mit weichen fränkischen Konsonanten. Tierschutzrechtlich gesehen darf beim Anlieferungscheck im Schlachthaus in wenigen Tagen nur knapp die Hälfte der Masthähnchen verletzte Sohlen aufweisen. Geflügelwirt Belzner will solche Wunden indes bei keinem seiner Tiere sehen. Mit seiner Hand fährt er durch die etwa zehn Zentimeter dicke Schicht aus Dinkelspelzen, die den fast 1.200 Quadratmeter großen Stall auskleiden. Dinkelspelz ist die Hülle, die das Dinkelkorn während des Wachstums umgibt. „Durch Heizung und Abluft achten wir sehr genau darauf, dass das Stallstreu immer trocken ist und die Fußballen gesund bleiben“, sagt Belzner. Auf dem amtstierärztlichen Schlachtungsdokument steht dann auch eine „0“ hinter dem Wort „Fußballenläsionen“ – eine einwandfreie Beurteilung.

Der Wert des Fleischs
Seit über 300 Jahren gilt: Die Belzners lieben ihre Tiere. Tochter Carolin, frisch gebackene Diplomlandwirtin, ist die zwölfte Generation, die mit Feldfruchtanbau und der Aufzucht von Tieren den Lebensunterhalt auf dem Hof verdient. Die zupackende 26-Jährige mit den langen, gelockten Haaren wird dort einmal die Geschäfte übernehmen. Stall eins wird bereits von ihr geleitet, die Hühnerherde in Stall zwei hört noch auf den Vater.

 

Carolin Belzner erledigt auch die Buchhaltung für andere Landwirtschaften der Gegend. Dadurch kennt sie die betriebswirtschaftliche Gratwanderung genau, die ein Geflügelhof heutzutage schaffen muss. Einerseits muss er dem Preisdruck begegnen, um zu überleben, und andererseits soll er den Tieren eine tierwohlgerechte Umgebung bieten. „Für Fleisch wollen viele Verbraucher manchmal weniger ausgeben als für die Prepaidkarte in ihrem Smartphone. Wir müssen höhere Verkaufspreise erzielen, sonst lassen sich die Tierwohlmaßnahmen nicht finanzieren. Uns wurde von den Abnehmern im Lebensmittelhandel zugesagt, dass unsere Hähnchen mit der Umstellung auf neue Maststandards im Laden rund zwei Euro mehr kosten werden und dass wir an diesem besseren Erlös auch beteiligt sind“, fasst sie das Kalkül zusammen, das die Belzners schließlich von der Umstellung überzeugte.

600

Millionen Hähnchen landen jährlich in Deutschland auf dem Teller.

Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung, Fleischatlas 2016


Qualität zu liefern, geht ins Geld
Rund 600 Millionen Hähnchen landen jährlich in Deutschland auf dem Teller. Das ausgeprägte Preisbewusstsein der Verbraucher hat die Mäster unter wachsenden Kostendruck gesetzt. Ein ungesundes Rennen um immer noch effektivere Haltungspraktiken hat dadurch begonnen. Hans-Joachim Belzner wollte an diesem Rennen irgendwann nicht mehr teilnehmen. Daher wird auch auf der Verpackung jedes der Hähnchen aus seinem Stall das blaue Label mit dem Satz kleben: „Zertifiziert nach Richtlinien des Deutschen Tierschutzbundes“. Das Geflügel wird in der Kühltruhe um etwa ein Drittel teurer ausgezeichnet sein als die konventionelle Ware der Stufe 1, „Stallhaltung“, des Lidl-Haltungskompasses und entspricht somit Stufe 3.

Ehemals ein Milchviehbetrieb, stieg der Hof vor 25 Jahren in die Geflügelmast ein. Vor sechs Jahren beschloss die Familie dann, ihre Hähnchen artgerechter zur Schlachtreife zu bringen, wie es die meisten Konkurrenten noch heute tun. „Beim Wechsel bekamen wir ein Schnupperjahr eingeräumt“, erinnert sich der Geflügelwirt, dann ging er ins Risiko. Die Umstellung auf alle nachhaltigen Anforderungen kostete viel Geld für einen Betrieb dieser Größe.

160.000 Euro kostete allein der Anbau von zwei Wintergärten an die beiden Stallhallen. Die Belzners mussten mit sehr spitzem Stift rechnen, da gut ein Drittel weniger Hühner im Stall stehen und auch Maßnahmen wie die Sitzstangen als Ruheort Geld kosten. „Im Ergebnis bieten wir heute jedoch Geflügel an, das gesund, gentechnikfrei und artgerecht aufwächst. In nahezu allen Fällen geschieht das ohne irgendein Medikament oder Antibiotikum“, betont der Landwirt. Medikamente dürfen nur auf tierärztliche Anordnung eingesetzt werden. Das war nach seinen Angaben bei bisher rund 50 nachhaltigen Aufzuchtzyklen nur viermal der Fall.


Kein Gedränge – Langsam in Schnelldorf
Alles ist in der modernen Intensivtierhaltung aufeinander abgestimmt und optimiert. Das trifft auch für die nachhaltigeren, aber konventionellen Aufzuchtverfahren zu. So verwendet der Belzner-Hof aktuell die langsam wachsende Hühnerrasse Ranger. Sie ist durch Zucht exakt auf das Futter abgestimmt worden und nimmt während der rund eineinhalb Monate zwischen Schlüpfen und Schlachten nicht mehr als 45 Gramm am Tag zu – ein gutes Drittel weniger als in der Normalmast. Durch das langsamere Wachstum sind die Tiere aber viel lauffreudiger und aktiver.

Auch dieses „Tempolimit“ ist ein Erfordernis des Deutschen Tierschutzbundes wie auch die geringere Besatzdichte der Ställe. Laut der bayerischen Nutztierhaltungsverordnung dürften die Belzners eigentlich 39 Kilo Lebendgewicht auf einen Quadratmeter unterbringen. Sie belassen es bei 25 Kilo. Weil die Hähnchen zusätzlich auch noch ihren Wintergarten haben, eine Art ungeheizter Außenklimabereich, in den die Herden tagsüber hinaustreten können, herrscht weniger Gedränge im Stall.

 

 


Strohballen zum Anschmiegen
Bevor die neuen Küken für die rund anderthalb Monate Mastzeit einziehen, kommt für die Tiere zunächst eine dicke Schicht Dinkelspreu auf den Stallboden, denn Hühner lieben das Scharren und „Baden“ in einer weichen Bodenmulde. Dann werden handbreithohe Mineralblöcke aufgestellt, an denen die Küken den Schnabel wetzen können. Auch das ist ein natürliches Bedürfnis der Gattung und dadurch müssen die Schnäbel nicht gekürzt werden. Es folgen Sitzstangen, Trinkleisten mit huhngerechten Trinknippeln sowie tellergroße Rondelle aus rotem Plastik für das Futtergranulat. Zum Schluss wird die gesamte Stallfläche noch mit lose gestreuten Strohballen ausgestattet. Drinnen kreisen zwar keine Hühnerbussarde, aber sicherer fühlt sich das Haushuhn schon, wenn es sich gelegentlich zum Schutz irgendwo anschmiegen und in Deckung gehen kann.

Nur einen Tag vor Ankunft auf dem Hof sind die Hühner in einer unabhängigen Brüterei unter großen Mühen aus der Eierschale geschlüpft. „Wenn sie ankommen, untersuchen sie erst einmal den ganzen Stall. Dann findet jedes Tier seinen Platz, an dem man es immer wieder finden kann“, berichtet Carolin Belzner.

 

 


Strikte Kontrolle
„Ich sehe viele Landwirtschaften. Ich kann sagen, wer seine Tiere nicht liebt und kennt, der wird dadurch keinen Betrieb wirtschaftlich erfolgreich führen können“, berichtet die Landwirtin weiter. Ihr Vater, schon 40 Jahre in seinem Beruf tätig, unterrichtet neben der Arbeit auf dem Geflügelhof Nachwuchslandwirte in der nahen Berufsschule. „In meiner Ausbildung galt noch die Devise ‚Leistung rauf, Kosten runterʻ. Ich glaube, das hat sich in der nachwachsenden Generation stark geändert. Die achtet stärker auf das Tierwohl“, sagt er. Er habe auf dem Belzner-Hof mit den neuen Aufzuchtstandards den gesunden Mittelweg zwischen Masse und Klasse eingeschlagen, bilanziert er.

Als Landwirt müsse man eine Entscheidung fällen, meint auch seine Tochter Carolin: „Es nutzt nichts, wenn ich ein ‚Super-duper-Goldstufe-Platin-Hähnchenʻ aufziehe, das hinterher 25 Euro kostet und sich kaum einer leisten kann. So wie wir das jetzt machen, kann ich ein Hähnchen aufziehen, das ein relativ gutes Leben führt und doch von ganz vielen Menschen gekauft werden kann.“
 

Die neuen Maststandards werden strikt kontrolliert. Nicht nur der Tierschutzbund schickt regelmäßig Inspekteure vorbei, auch das Bayerische Verbraucherschutzministerium hat eine „Task Force“, die stichprobenartig und unangemeldet die Geflügelhöfe im Freistaat durchleuchtet. Eine Überprüfung kann jeden aus heiterem Himmel treffen. Bei den Belzners war es vergangenes Jahr so weit.
 

„Ein Bus rollte auf den Hof. Sieben Amtstierärzte stiegen aus. Ich musste mit ihnen durch den ersten Stall gehen. Dann haben sie sich die Umgebung und Stall zwei allein angesehen und anschließend die Ordner mit allen Futterprotokollen und den ganzen anderen Daten und Belegen, die wir aufzeichnen und erfassen müssen“, berichtet Hans-Joachim Belzner noch sichtlich beeindruckt von der Aktion der Behörden. Zu beanstanden hatten die Inspekteure nichts auf dem Hof.

 

 


Alles dreht sich dann doch um den Geschmack
Wird es Abend, drehen Vater und Tochter ihre zweite Runde durch die Ställe, um nach dem Rechten zu sehen. Dazu gehört auch, die Herde aus dem kühlen Wintergarten wieder in die warme Stallhalle zu bugsieren. Das geht meistens nicht ohne beharrliche mündliche Überzeugungsarbeit und ausgebreitete Arme. Den Belzners ist es wert, so viel Handarbeit in die Aufzucht ihrer Hühnerherden zu stecken. Das mache sich im Wohlergehen und letztlich auch im Geschmack der Tiere bezahlt, ist die Familie überzeugt.

Während Hans-Joachim Belzner ein paar Tasten auf dem Fütterungscomputer drückt, outet er sich auch noch als kulinarischer Experte, was Hähnchen angeht. „Kennen Sie Hähnchen auf dem Thron?“, fragt er den Besuch unvermittelt und liefert gleich alle Details hinterher: „Das ausgenommene Hähnchen kräftig salzen und würzen und dann aufrecht auf eine Dose setzen, die mit Bier oder gutem Wein gefüllt ist. Am anderen Ende noch eine Zwiebel reinstecken. Dann das Tier aufrecht eine Stunde bei 180 Grad im Backrohr garen.“ Belzner küsst kurz die Fingerspitzen. „Das ist unglaublich. Das wollen Sie nicht mehr missen.“

 

 

„Wer seine Tiere nicht liebt und kennt, der wird dadurch keinen Betrieb wirtschaftlich erfolgreich führen können.“

Carolin Belzner

„Kennen Sie Hähnchen auf dem Thron? Das ist unglaublich. Das wollen Sie nicht mehr missen.“

Hans-Joachim Belzner

IHRE FRAGEN
Experten antworten

Wer muss Verantwortung für nachhaltigen Konsum übernehmen und welche Aufgabe hat dabei der Handel?

Alexander Hissting
Geschäftsführer des Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG)

„Verantwortung müssen viele tragen. Vom Gesetzgeber über die Produzenten bis hin zu den Verbrauchern. Der Handel kann durch Initiativen am Point of Sale der Politik die Machbarkeit konkreter Maßnahmen aufzeigen. Produkte mit deutlich negativer Nachhaltigkeitsbilanz sollten aus dem Sortiment genommen werden. Mit einer gezielten Produktauswahl und transparenter Information kann der Handel den Verbraucher befähigen, eine verantwortungsbewusste Kaufentscheidung zu treffen.“

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